Walker Percy

Der Kinogeher

Versunken in das Geheimnis, mich am Leben zu finden

Der Kinogeher von Walker Percy

The Moviegoer ist eines der wundersamsten Bücher überhaupt. Es ist der lässige und zugleich tiefernste Monolog eines jungen Mannes aus einer alteingesessenen Südstaatenfamilie, dem die Welt offensteht und der doch nicht weiss, wie er leben soll.

Der Roman spielt in den späten 1950er Jahren während des Karnevals in New Orleans. Spielerisch, wie ein Hüpfball lässt John Bickerson Bolling, genannt Binx, die Woche vor seinem dreissigsten Geburtstag Revue passieren.

Binx ist klug, notorisch unverschämt und hält nichts von Selbstbetrug. Trotzdem bleibt er sich ein Rätsel. Gemäss Familientradition hätte er zumindest Arzt werden müssen. Er geht lieber ins Kino, verdient gutes Geld als Wertpapiermakler, pflegt Affären mit seinen Sekretärinnen und hegt das vage Projekt einer Suche.

Der Kinogeher ist ein spätes Erstlingswerk. Walker Percy war fünfundvierzig, als es 1961 erschien. Ein Jahr darauf wurde es mit dem National Book Award ausgezeichnet und gilt als eines der besten englischsprachigen Bücher des 20. Jahrhunderts.

Mit seinem Helden hatte Percy einiges gemeinsam: die gute Herkunft, ein hartnäckiges Gefühl von Verlorenheit und verstörende Erfahrungen - in seinem Fall den Suizid von Vater und Mutter, als er noch fast ein Kind war.

In der Familie sprach man nicht darüber. Doch Walker Percy sollte nun erst recht die Fahne des Erfolgs hochhalten, als Jurist, Arzt, Militär oder Regierungsbeamter. Er studierte Medizin, übte den Beruf jedoch nie aus. Eine Tuberkulose fesselte ihn mehrere Jahre ans Bett.

Paradoxerweise war die Krankheit eine Erlösung: Percy kam nach eigenem Bekunden darum herum, ein mittelmässiger Psychiater irgendwo in der Provinz zu werden. Stattdessen beschäftigte er sich intensiv mit Philosophie und Semiotik. Grosse philosophische Fragen - wie soll man leben? - und eine höchst eigenwillige Wahrnehmung prägen den Kinogeher entscheidend.

Die Welt zeigt sich Binx so gut wie nie in ihren üblichen Zusammenhängen. Das falsche Auto zum Beispiel kann ihn in eine existentielle Krise stürzen. So geschehen, als er mit seiner neuen Sekretärin ans Meer braust - sein jeweils erster Schritt des Anbandelns. Der grundsolide Dodge vereitelt jede Erotik und erzeugt heftige «Malaise»: «Ich wollte anhalten und mir den Schädel gegen die Karosserie schlagen.»

Anders ist es später mit dem roten MG: «Verwundert schauten wir einander an: Die Malaise war verschwunden! Wir befanden uns draussen in der Welt, in der dicken Sommerluft zwischen Himmel und Erde. Ohrenbetäubender Lärm, Wind wie ein Orkan; die Asphaltstrukturen kamen auf uns zu wie Berge.»

Man kann nur immer wieder staunen über den Reichtum an Gedanken, Empfindungen und Wahrnehmungen, den Walker Percy durch die Augen seines Helden zugänglich macht. Binx fühlt sich dem Leben zwar entfremdet, beschreibt aber enthusiastisch alles und alle um ihn herum. Wenn er ins Kino geht, am liebsten in schäbige, fast leere Vorortskinos, ist das jedes Mal eine mit Lust unternommene Expedition: «Ich muss die Umgebung wittern, bevor ich hineingehe.»

Mit Realitätsflucht hat Binx’ Kinoleidenschaft wenig zu tun. Ihn fasziniert, wie sich an der Fiktion Realität ablesen lässt. Happy Ends etwa findet er nur oberflächlich befriedigend: Sie müssen immer mit Anpassung bezahlt werden. Zusammengenommen sind Filme für Binx ein Zerrspiegel seiner Suche nach Lebenssinn. Ein Erkunden, das seiner Meinung nach aber alle betreiben müssten: «Die Suche ist etwas, das jeder unternähme, wäre er nicht in die Alltäglichkeit seines Lebens versunken.»

Erstmals begegnete Binx die Suche, als er im Korea-Krieg schwer verwundet wurde. Er lag am Boden, unfähig, sich zu bewegen, und war - glücklich: «Nah vor meiner Nase scharrte ein Mistkäfer unter den Blättern. In mir erwachte da beim Zuschauen eine unmässige Neugier. Ich war etwas auf der Spur.» Binx verspricht sich, nie mehr mit der Suche aufzuhören, sollte er überleben.

Natürlich klappt das nicht. In einem überraschenden Epilog teilt Binx mit, dass er dem «Geheimnis, mich am Leben zu finden» nicht länger nachspürt. Er hat sein Aussenseitertum und seine Ziellosigkeit aufgegeben, standesgemäss geheiratet und begonnen, Medizin zu studieren. Weil der Kinogeher auch eine heimliche grosse Liebesgeschichte ist, ist zu vermuten, dass es gut ausgeht.