Über mich

Foto: Anna Korbut
*1961, viele Jahre tätig für Schweizer Radio DRS 2 bzw. Radio SRF 2 Kultur in den Bereichen Theater, Hörspiel und Literatur.
Mein erstes Buch war ein SJW-Heft: Das Eselein Bin. Wir lernten lesen damit. Knirpse auf Knirpsenstühlen, alle ein Heft auf den Knien, sassen wir im Kreis und buchstabierten der Reihe nach vor uns hin. Es ging nicht vom Fleck. Also nahm ich mein Exemplar heimlich mit nach Hause und las es aus. Das machte die Sache nicht besser.
Lesen und Ungeduld blieben noch eine ganze Weile Synonyme. In die Bibliothek durften wir erst in der zweiten Klasse, und das auch nur alle zwei Wochen. Trotzdem gab es bloss ein einziges Buch. Ich erinnere mich vage, dass ich versuchte, zu verhandeln – vermutlich ohne Erfolg.
Ich las alles, was mir in die Hände fiel: die düsteren Jugendbücher in alter deutscher Schrift, die Bekannte meiner Grossmutter für mich abgaben, und auch das eine oder andere Erwachsenenbuch, darunter Franz Kafkas In der Strafkolonie, das mich so erschreckte, dass ich mir schwor, diesen Kerl nie mehr zu lesen.
Ähnlich erschüttert war ich Jahre später noch einmal. Bis dahin war ein Buch für mich einfach eine Geschichte. Dann aber passte ich in einer Schulstunde mal wieder nicht auf, blätterte stattdessen in der ausgehändigten Deutsch-Anthologie und stiess auf einen Auszug aus Marie Luise Kaschnitz’ Beschreibung eines Dorfes: «Eines Tages, vielleicht sehr bald schon, werde ich den Versuch machen, das Dorf zu beschreiben…»
Zurückzugehen ins Dorf der Kindheit und dem heiklen Geschäft des Erinnerns mittels Zeitformen ein Schnippchen zu schlagen, das Futur und den Konditional als Waffe gegen Verklärung und Verfälschung einzusetzen, und nicht zuletzt als Möglichkeit, immer wieder von vorn zu erzählen: Zum ersten Mal und fassungslos nahm ich Form wahr.
Ich bin mir nicht sicher, ob mir Marie Luise Kaschnitz’ Text heute noch gefallen würde. Aber die Haltung in der Herangehensweise, die formale Konsequenz in der Suche nach einem Raum für den Stoff, lässt mich an eine Äusserung des amerikanischen Literaten und Philosophen William Gass denken. Für ihn waren die wahren Alchemisten nicht jene, die Blei zu Gold machten, sondern jene, die Welt in Worte verwandelten.
Es sind solche Vorgänge, die mich beim Lesen am meisten faszinieren.